Stablecoins entwickeln sich immer stärker vom Krypto-Nischenprodukt zur strategischen Infrastruktur des globalen Zahlungsverkehrs. Was lange vor allem auf Krypto-Börsen, in DeFi-Protokollen und bei internationalen Transfers genutzt wurde, rückt nun in den Mittelpunkt der grössten Zahlungsunternehmen der Welt.
Laut einem Bericht von CoinDesk stehen Stripe, Visa und Mastercard kurz davor, eine neue Stablecoin-Plattform vorzustellen. Auch Coinbase prüft demnach eine mögliche Beteiligung. Die Unternehmen selbst äusserten sich gegenüber den Medien nicht konkret zu den Plänen.
Warum Stablecoins für Zahlungsriesen so attraktiv sind
Stablecoins sind digitale Token, die meist an klassische Währungen wie den US-Dollar gekoppelt sind. Im Idealfall entspricht ein Stablecoin dauerhaft einem Dollar. Für Zahlungsunternehmen ist das attraktiv, weil Stablecoins rund um die Uhr übertragbar sind, internationale Transfers vereinfachen und Abwicklungen schneller machen können als traditionelle Bankinfrastruktur.
Gerade im globalen Zahlungsverkehr ist das relevant. Banken arbeiten häufig mit Korrespondenzbanken, festen Öffnungszeiten, Feiertagen und mehreren Zwischenschritten. Stablecoins versprechen dagegen eine schnellere und programmierbare Abwicklung.
Visa zeigt bereits, wohin die Reise geht. Das Unternehmen teilte im Mai mit, dass es sein Stablecoin-Settlement-Pilotprogramm auf insgesamt neun Blockchains ausweitet. Neben Avalanche, Ethereum, Solana und Stellar werden fünf weitere Netzwerke unterstützt. Damit will Visa Partnern mehr Auswahl bei Stablecoin-Abwicklungen geben.
Auch Mastercard baut die eigene Infrastruktur aus. Das Unternehmen kündigte im Juni an, seine Settlement-Funktionen um Intraday-, Wochenend- und Feiertagsabwicklung zu erweitern. Dabei sollen sowohl Fiatwährungen als auch Onchain-Settlement mit regulierten Stablecoins unterstützt werden. Ziel ist mehr Flexibilität für Issuer und Acquirer im globalen Mastercard-Netzwerk.
Stripe und Mastercard kaufen sich Stablecoin-Infrastruktur
Die geplante Plattform passt zu einer Entwicklung, die bereits seit Monaten sichtbar ist: Zahlungsunternehmen kaufen oder integrieren Stablecoin-Infrastruktur.
Stripe schloss Anfang 2025 die Übernahme von Bridge ab. Laut Stripe selbst soll Stablecoin-Infrastruktur eine wichtige Rolle für grenzüberschreitenden Handel spielen. Berichte bezifferten den Deal auf 1,1 Milliarden US-Dollar und bezeichneten ihn als Stripes grösste Übernahme bis dahin.
Mastercard ging noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen kaufte Mastercard den Stablecoin-Infrastruktur-Anbieter BVNK für 1,8 Milliarden US-Dollar. Der Deal wurde als bislang grösste Stablecoin-Übernahme beschrieben und zeigt, wie stark etablierte Zahlungsunternehmen inzwischen auf digitale Dollar-Infrastruktur setzen.
Die Botschaft ist klar: Die grossen Zahlungsunternehmen betrachten Stablecoins nicht mehr als Experiment, sondern als künftigen Bestandteil ihrer Zahlungsarchitektur.
Der Stablecoin-Markt ist längst riesig
Der wirtschaftliche Anreiz ist enorm. Der Stablecoin-Markt ist inzwischen mehrere hundert Milliarden US-Dollar schwer. Medien verweisen im Zusammenhang mit den Plattformplänen auf einen Markt von rund 325 Milliarden US-Dollar. Es geht also um eine Menge Geld.
Der Markt wird bislang vor allem von zwei Anbietern geprägt: Tether mit USDT und Circle mit USDC. Schätzungen nennen für USDT rund 115 Milliarden US-Dollar und für USDC rund 76 Milliarden US-Dollar. Diese Dominanz ist genau der Punkt, an dem Visa, Mastercard und Stripe ansetzen könnten.
Für Zahlungsunternehmen geht es dabei nicht nur um Transaktionsvolumen. Stablecoin-Emittenten können Reserven in sicheren, verzinsten Anlagen wie US-Staatsanleihen parken. Die daraus entstehenden Zinserträge sind ein zentraler Teil des Geschäftsmodells. Genau dieser Mechanismus erklärt, warum Stablecoins für Finanzunternehmen so attraktiv sind.
Coinbase könnte in einem Interessenkonflikt stehen
Besonders spannend ist die mögliche Rolle von Coinbase. So prüft die US-Kryptobörse, ob sie sich an der geplanten Plattform beteiligt. Coinbase wäre ein naheliegender Partner, weil das Unternehmen bereits tief im Stablecoin-Geschäft verankert ist.
Gleichzeitig ist die Situation nicht ganz einfach. Coinbase ist eng mit USDC verbunden und teilt sich seit 2023 Teile der Zinserträge aus USDC-Reserven mit Circle. Dieser Deal soll im August auslaufen und deshalb könnte Coinbase ein Interesse an neuen, stabilen Cashflows haben.
Sollte Coinbase tatsächlich an einer neuen Stablecoin-Plattform mit Visa, Mastercard und Stripe teilnehmen, könnte das die Machtverhältnisse im Stablecoin-Markt verändern. Coinbase wäre dann nicht nur Partner von Circle, sondern möglicherweise auch Teil einer Plattform, die langfristig gegen bestehende Stablecoin-Dominanzmodelle antritt.
Warum das für den Kryptomarkt wichtig ist
Die mögliche Stablecoin-Plattform wäre kein normales Krypto-Projekt. Visa, Mastercard und Stripe gehören zu den wichtigsten Unternehmen im globalen Zahlungsverkehr. Wenn sie Stablecoins tiefer integrieren, könnte das die Nutzung digitaler Dollar deutlich beschleunigen.
Für den Kryptomarkt wäre das ein starkes Signal. Stablecoins sind bereits heute ein zentraler Baustein für Handel, DeFi, internationale Transfers und Liquidität. Wenn sie zusätzlich stärker in traditionelle Zahlungsnetzwerke eingebunden werden, könnte sich ihre Rolle weiter verändern: weg vom reinen Börsen- und Tradinginstrument, hin zu einer breiteren Zahlungsinfrastruktur.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, dass Stablecoins nicht zwingend gegen bestehende Zahlungsunternehmen arbeiten. Vielmehr versuchen diese Unternehmen, Stablecoins in die eigene Infrastruktur einzubauen. Visa und Mastercard wollen offenbar nicht ersetzt werden, sondern selbst die Brücke zwischen klassischem Geld und Blockchain-Zahlungen bilden.
Risiken bleiben bestehen
Trotz des starken Momentums bleiben wichtige Fragen offen. Bei der gemeldeten Plattform sind Name, genaue Struktur, Reservekonzept, beteiligte Stablecoins und regulatorischer Rahmen bislang nicht öffentlich bekannt.
Hinzu kommen regulatorische Fragen. Stablecoins berühren Geldmarktregulierung, Zahlungsverkehr, Bankenaufsicht, Geldwäscheprävention und Verbraucherschutz. Je stärker grosse Zahlungsunternehmen in diesen Markt gehen, desto genauer dürften Regulierer hinschauen.
Auch für Nutzer bleibt entscheidend, wer die Stablecoins ausgibt, wo die Reserven liegen, wie transparent diese Reserven geprüft werden und welche Rechte Halter im Ernstfall tatsächlich haben.
Fazit: Stablecoins werden zur Infrastrukturfrage
Die möglichen Pläne von Stripe, Visa und Mastercard zeigen, wie stark sich der Stablecoin-Markt verändert. Was früher vor allem als Werkzeug für Krypto-Trader galt, wird zunehmend zur Infrastrukturfrage für den globalen Zahlungsverkehr.
Die grossen Zahlungsunternehmen investieren Milliarden, bauen eigene Stablecoin-Kompetenz auf und erweitern bestehende Netzwerke für Onchain-Settlement. Gleichzeitig geraten etablierte Stablecoin-Anbieter wie Tether und Circle stärker unter Druck.
Noch ist nichts offiziell bestätigt. Doch die Richtung ist klar: Stablecoins werden nicht mehr nur von Krypto-Unternehmen vorangetrieben. Sie werden zunehmend von den grössten Zahlungsnetzwerken der Welt in ihre eigenen Systeme integriert.
Für den Kryptomarkt könnte das langfristig wichtiger sein als kurzfristige Bitcoin-Kursbewegungen. Denn wenn Stablecoins tatsächlich zum Standard für schnelle, globale und programmierbare Zahlungen werden, wächst die reale Nutzung von Blockchain-Infrastruktur deutlich über den Trading-Markt hinaus.
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