Die Stock-to-Flow-Analyse ist eines der bekanntesten Modelle zur Bewertung der Bitcoin-Knappheit. In diesem Artikel erklären wir Dir, wie die Stock-to-Flow-Ratio funktioniert, woher das Modell stammt, welche Aussagen es trifft und wo seine Grenzen liegen.
Was ist die Stock-to-Flow-Analyse?
Die Stock-to-Flow-Ratio lässt bei einem Gut Rückschlüsse auf seine Knappheit zu. Sie setzt den vorhandenen Bestand eines Vermögenswertes (Stock) ins Verhältnis zur jährlich neu produzierten Menge (Flow). Je höher das Verhältnis, desto knapper ist das Gut und desto höher sollte theoretisch sein Preis sein.
Das Modell stammt ursprünglich aus der Rohstoffanalyse und wird seit Jahrzehnten auf Edelmetalle wie Gold und Silber angewendet. Seit 2019 wird es auch auf Bitcoin übertragen, da Bitcoin durch seine begrenzte Menge von 21 Millionen Einheiten ähnliche Knappheitseigenschaften wie ein Edelmetall aufweist.
Wie funktioniert die Stock-to-Flow-Ratio?
Die Berechnung basiert auf zwei Grössen:
- Stock: Der aktuelle Lagerbestand bzw. die gesamte im Umlauf befindliche Menge eines Gutes.
- Flow: Die jährlich neu produzierte Menge, also der Zufluss an neuen Einheiten.
Die Formel lautet: Stock-to-Flow-Ratio = Stock ÷ Flow
Das Verhältnis gibt an, wie viele Jahre es dauern würde, den aktuellen Bestand bei gleichbleibender Produktionsrate zu reproduzieren. Der Wert der Knappheit steigt parallel zur Höhe des Verhältnisses.
Ein Rechenbeispiel für Bitcoin: Nach dem vierten Halving im April 2024 werden pro Jahr noch rund 164’250 neue Bitcoins gemined (450 BTC pro Tag × 365). Bei einem Bestand von über 20 Millionen BTC (Stand April 2026) ergibt sich eine Stock-to-Flow-Ratio von rund 122. Das bedeutet: Bei der aktuellen Produktionsrate würde es 122 Jahre dauern, den bestehenden Bestand zu reproduzieren.
Ursprung der Stock-to-Flow-Analyse
Eigentlich legen Analysten die Stock-to-Flow-Ratio vor allem bei Rohstoffen wie beispielsweise dem „sicheren Hafen für Anleger” Gold zugrunde. Die Grundannahme eines steigenden Preises bei zunehmender Knappheit ist beim Edelmetall zumeist auch zutreffend.
Gold hat aktuell eine S2F-Ratio von etwa 60 bis 65. Das bedeutet: Es würde rund 60 Jahre dauern, den gesamten oberirdischen Goldbestand durch Mining zu reproduzieren. Silber liegt bei etwa 22. Viele Industrierohstoffe wie Kupfer haben dagegen sehr niedrige S2F-Werte, da sie schnell nachproduziert werden können.
Die Grundannahme: Je höher die S2F-Ratio, desto schwieriger ist es, das Angebot kurzfristig zu erhöhen, und desto wahrscheinlicher ist ein Preisanstieg bei steigender Nachfrage.
Warum wird die Stock-to-Flow-Analyse auf Bitcoin angewendet?
Niemand Geringerer als Nick Szabo sieht in der Knappheit von Bitcoin eine „eher fälschungssichere Kostbarkeit”. Es gibt per Definition höchstens 21 Millionen Bitcoins, was die Digitalwährung deutlich von Fiatgeld unterscheidet. In Finanz- und Wirtschaftskrisen werfen die Zentralbanken gerne die Geldpressen an und steigern die Geldmenge, was meist mit einem Anstieg der Inflationsraten einhergeht.
Bitcoin unterscheidet sich hier fundamental. Die Geldmenge ist fest im Code verankert und wird durch das Halving alle vier Jahre weiter verknappt. Die Blockbelohnung wurde von ursprünglich 50 BTC pro Block auf aktuell 3,125 BTC reduziert. Bitcoins jährliche Inflationsrate liegt damit unter einem Prozent und somit niedriger als die von Gold. Bitcoin als Geldanlage wird somit also auch inflationstechnisch relevaner.
Diese Kombination aus fester Obergrenze und planbarer Verknappung macht Bitcoin zum ersten digitalen Vermögenswert, der sich für eine Stock-to-Flow-Analyse eignet.
Das Stock-to-Flow-Modell bei Bitcoin
Als Urheber des Bitcoin-S2F-Modells gilt PlanB, ein pseudonymer Kryptoanalyst. Er veröffentlichte das Modell 2019 und zeigte, dass der Bitcoin-Kurs über längere Zeiträume der S2F-Ratio folgte. Die Kernthese: Bitcoin verhält sich preislich wie ein knappes Gut, vergleichbar mit Gold und Silber.
Das Modell geht davon aus, dass die Knappheit (gemessen an der S2F-Ratio) der wichtigste Preistreiber ist. Da sich die S2F-Ratio mit jedem Halving sprunghaft erhöht, sagt das Modell nach jedem Halving deutlich höhere Preise vorher.
Interessanterweise kommen verschiedene Auswertungen zum Ergebnis, dass die Stock-to-Flow-Daten des Bitcoins durchaus mit denen von Gold und Silber mithalten. Mittlerweile hat Bitcoin Gold in der S2F-Ratio mit einem Wert von rund 122 sogar deutlich übertroffen.
Welche Aussagen trifft die Stock-to-Flow-Analyse?
Das S2F-Modell stellt eine Beziehung zwischen der Knappheit eines Vermögenswertes und seinem Marktpreis her. Für Bitcoin leitet es daraus konkrete Preisbereiche ab:
- Nach dem ersten Halving (2012, S2F ~25): Modell erwartete Kurse im zweistelligen bis dreistelligen Bereich. Tatsächlich stieg BTC auf über 1’100 USD.
- Nach dem zweiten Halving (2016, S2F ~50): Modell erwartete Kurse im vierstelligen Bereich. BTC erreichte fast 20’000 USD.
- Nach dem dritten Halving (2020, S2F ~56): Modell erwartete Kurse um 100’000 USD. BTC erreichte rund 69’000 USD.
- Nach dem vierten Halving (2024, S2F ~122): Modell prognostizierte Kurse über 500’000 USD. BTC erreichte im Oktober 2025 ein ATH von rund 109’000 USD und liegt im April 2026 bei rund 77’000 USD.
Das Muster zeigt: Die Richtung stimmte in jedem Zyklus. Die konkreten Kursziele wurden jedoch zunehmend verfehlt, insbesondere nach dem vierten Halving.
Kritik an der Stock-to-Flow-Analyse
Aus Sicht vieler Analysten ist die Bitcoin-Kurs-Prognose anhand der S2F-Ratio zu spekulativ, andere schwören auf den Ansatz. Die Problematik besteht aus der Sicht der Kritiker darin, dass die Kursbewegung eben nicht allein durch die Bitcoin-Produktionsrate bestimmt wird.
Die wichtigsten Kritikpunkte:
- Nachfrage wird ignoriert: Das Modell betrachtet ausschliesslich die Angebotsseite. Belastbare Vorhersagen zu einer steigenden Nachfrage lassen sich aber nur bedingt ableiten. Es gab immer wieder Momente in der Bitcoin-Geschichte, in denen die Nachfrage überraschend sank.
- Externe Faktoren fehlen: Regulierung, makroökonomische Entwicklungen (Zinsen, Inflation), institutionelle Zuflüsse (ETFs) und geopolitische Ereignisse haben erheblichen Einfluss auf den Bitcoin-Kurs. Allein in den Bitcoin-Spot-ETFs flossen im ersten Quartal 2026 rund 18,7 Milliarden US-Dollar. Solche Zuflüsse haben einen grösseren Einfluss auf den Kurs als die reine Angebotsverknappung.
- Statistische Schwächen: Kritiker bemängeln, dass das Modell auf zu wenigen Datenpunkten basiert (bisher nur vier Halvings) und dass die Korrelation zwischen S2F und Preis nicht zwingend eine Kausalität beweist.
- Unrealistische Hochrechnungen: Zu kurz kommt in der Stock-to-Flow-Ratio unter anderem die Marktkapitalisierung. Einige bekannte Analysten haben berechnet, dass der BTC für einen Millionenkurs eine Kapitalisierung in einer Grössenordnung wie relevante Fiatgelder wie der US-Dollar oder der Euro erreichen müsste. Trotz zunehmender Akzeptanz sind solche Entwicklungen binnen weniger Jahre vermutlich eher unwahrscheinlich.
Stock-to-Flow-Analyse und Bitcoin-Halvings
Das Halving ist der zentrale Mechanismus, der die S2F-Ratio von Bitcoin alle vier Jahre sprunghaft erhöht. Schon der Einfluss der etwa alle vier Jahre stattfindenden Halvings und der damit verbundenen Halbierung der Mining-Belohnungen wird mitunter überbewertet. Ein zeitweise geringerer Nachschub an Coins im System wirkt sich in der Stock-to-Flow-Ratio ebenfalls teils unverhältnismässig deutlich auf die Erwartungen aus.
Rund um ein Halving bewegt sich der Kurs erfahrungsgemäss in einem Kursbereich, der später nicht zu 100 Prozent bestätigt wird. Die historisch starke Bewegung nach früheren Halbierungen ist keine Garantie für vergleichbare Trends in Zukunft.
Das vierte Halving vom April 2024 hat dies bestätigt. Das S2F-Modell prognostizierte Kurse im sechsstelligen Bereich, teilweise über 500’000 USD. Tatsächlich erreichte Bitcoin im Oktober 2025 ein neues Allzeithoch von rund 109’000 USD, korrigierte danach aber auf rund 77’000 USD. PlanB hat in der Folge selbst eingeräumt, dass das Modell keine präzisen Kursziele liefert, sondern eher eine Grössenordnung der Bewertung aufzeigt.
Ist die Stock-to-Flow-Analyse für Anleger sinnvoll?
Trotz der Schwierigkeiten kann die Ratio durchaus zielführend sein. Schliesslich ist der Bitcoin als erster digitaler Vermögenswert per se auf Knappheit ausgelegt und damit auf Augenhöhe mit Edelmetallen wie Gold und Silber. Verschiedene Analysten bestätigen, dass es eine tatsächliche Relation zwischen Stock-to-Flow und dem BTC-Marktpreis gibt, die vielfach als „statistisch relevant” einzustufen sei. Und diese Beziehung sei keineswegs auf einem reinen Zufall begründet.
Als alleiniges Prognosetool ist das S2F-Modell jedoch unzureichend. Die zunehmende Bedeutung institutioneller Zuflüsse (Bitcoin-Spot-ETFs), regulatorischer Entwicklungen und makroökonomischer Faktoren macht rein angebotsbasierte Modelle unvollständig. Die Stock-to-Flow-Ratio ist am besten als ein Baustein in einer umfassenderen Analyse zu verstehen, nicht als Kristallkugel.
Fazit zur Stock-to-Flow-Analyse bei Bitcoin
Die Stock-to-Flow-Analyse liefert einen nachvollziehbaren Rahmen, um die Knappheit von Bitcoin zu bewerten und in einen historischen Kontext zu stellen. Die Grundannahme, dass ein knappes Gut bei steigender Nachfrage an Wert gewinnt, ist ökonomisch plausibel. Die Richtung der Preisentwicklung nach Halvings hat das Modell bisher korrekt vorhergesagt.
Gleichzeitig hat das S2F-Modell klare Grenzen. Es ignoriert die Nachfrageseite, externe Markteinflüsse und die wachsende Rolle institutioneller Investoren. Die konkreten Kursziele wurden mit jedem Zyklus stärker verfehlt. Wer das Modell als eines von mehreren Analyseinstrumenten nutzt, kann davon profitieren. Wer sich blind darauf verlässt, geht ein unnötiges Risiko ein.


