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Der Bitcoin und die Frage nach der Freiheit

von Matthias Nemack

Die Idee des Bitcoin steht mehr denn je als Wegweiser in eine selbstbestimmte Finanz-Zukunft und als Hoffnungsträger für Benachteiligte.

Goldfisch springt aus einem Glas in Richtung Bitcoin

Digitale Währungen haben sich für viele Anleger und Investoren mit mehr oder weniger langen Spekulationszielen zu einer spannenden Anlageklasse entwickelt. Sie sind auf der anderen mittlerweile weit mehr als das. Für immer mehr Interessenten sind Währungen wie der Bitcoin heute sind Krypto-Investments heute eine lebensverändernde, ja regelrecht philosophische Angelegenheit, bei der es nicht allein um die Rendite geht. Der Bitcoin etwa wurde seinerzeit auch

deshalb entwickelt, um Menschen von traditionellen Finanzsystemen unabhängig zu machen. Menschen sollten in die Lage versetzt werden, sich von „alten“ zugunsten neuer Netzwerke abzumelden. Mit der Folge, dass sie in innovativen Systemen zu einem gleichberechtigten Mitglied der Gemeinschaft werden, die vom Geist der gleichen Gesinnung und gleichen Denkens geprägt ist. Es lohnt sich, die Philosophie der freien Wahl im Kontext des Bitcoins und digitaler Währungssysteme auf den Prüfstand zu stellen.

Bitcoin als Wegweiser in eine selbstbestimmte Finanz-Zukunft?

Ein wichtiger Aspekt, der an dieser frühen Stelle Erwähnung verdient: Der Bitcoin hat als erste Kryptowährung der Welt wichtige Weichen gestellt. Ohne die Gedanken des BTC-Erfinders Satoshi Nakamoto hätte sich die Kryptowelt zumindest nicht in der seit einigen Jahren erkennbaren Geschwindigkeit entwickelt. Freilich gab es andere Vordenker, die zeitgleich zur Planung des Bitcoin-Universums über eine Digitalisierung der Finanzwelt durch die Schaffung virtueller Zahlungs- und Währungssysteme nachdachten. Der Bitcoin aber hat in diesem Zusammenhang zweifelsohne viele Türen geöffnet und Überlegungen in Gang gesetzt. Fragt man Experten nach den Erfolgen der Blockchain und vor allem des Bitcoins, gibt es auf der anderen Seite manchen Kritikpunkt.

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Welche Rolle spielt die Politik in Zukunft in der Welt der Kryptowährungen?

Rüdiger Weis, seines Zeichens Informatiker und Kryptograf mit Professur für Informatik an der Berliner Beuth-Hochschule für Technik äusserte in der Vergangenheit wiederholt, beim System Bitcoin seien über die Jahre viele der (basis-) demokratischen Ideen auf der Strecke geblieben. Und mehr noch. Weis sieht den „demokratischen Ansatz“ heute kaum noch gegeben und verweist in Stellungnahmen sogar auf Gefahren für den Bereich der Privatsphäre. Gerade im zuletzt genannten Punkt hatten nicht nur Bitcoin-Nutzer der ersten Stunden grosse Hoffnungen gehegt. Viele User träumten davon, die Blockchain würde das „Ende des Staates“, wie wir ihn kennen, einläuten. Trotz aller positiven Veränderungen der Finanzwelt ist davon bisher wenig zu sehen. Dennoch gibt es wichtige Entwicklungen, die dafür sprechen, dass es etwas gibt, das als Philosophie der freien Wahl bezeichnet werden kann.

Digitale Währungssysteme als Hoffnungsträger für Benachteiligte

So können Menschen in Regionen, die vormals im Grunde keinen Zugang zum traditionellen Bankensystem hatten, heute dank der Blockchain auch ohne eigenes Bankkonto Gelder rund um den Globus versenden. Der Erfolg des Litecoins und anderer Kryptowährungen in einigen Ländern Afrikas sei hier als Beispiel genannt. Durch die Blockchain und vergleichbare technologische Konzepte schliessen sich globale Versorgungslücken. Abseits dieses Nutzerkreises profitierten frühzeitig auch Menschen von der Blockchain, die staatlichen Geldsystemen skeptisch gegenüberstehen. Dass immer mehr Banken und Finanzdienstleister die Chancen digitaler Währungen und der zugrundeliegenden Netzwerke erkennen, spricht dafür, dass der liberale Ansatz des Bitcoins keineswegs gescheitert ist.

Neue Währungssysteme der digitalen Welt, bei denen jeder Nutzer auf demokratische Weise die systemische Funktion nachvollziehen können, sind inzwischen existent. Doch staatliche Kontrollen spielen in vielen Ländern eine immer grössere Rolle. Viele Regierungen – allen voran in den USA, China oder der EU – sind zunehmend bemüht, über Regulierungen und die Pflicht zur Lizenzierung die verloren geglaubte Kontrolle zu behalten bzw. zurückzugewinnen.

Freie Wahl gibt es nur gleichem Wissensstand aller Netzwerknutzer

Die freie Wahl aus philosophischer Sicht betreffend, stellt sich nicht zuletzt eine drängende Frage: Sind wirklich alle Mitglieder der Kryptowelt in der Lage, ein ausreichendes Verständnis für die Möglichkeiten und Vorteile, aber auch die Risiken der Bitcoin-Blockchain und ähnlicher Systeme zu entwickeln? Gemeint sind hier natürlich Investoren, die den Kryptosektor nicht allein deshalb betreten, weil sie auf der Suche nach hohen Renditen sind, die im traditionellen System längst nicht mehr realisierbar sind. Wobei der monetäre Aspekt ohne Frage ein zentraler ist, wenn es um das „System Bitcoin“ geht. Als rein digitales Finanzsystem bietet der Bitcoin durchaus Antworten auf Probleme wie steigende Inflationsraten und das sinkende Zinsniveau als Anlage-Dilemma. In der weltweiten Corona-Pandemie hat sich darüber hinaus gezeigt, wie wichtig neue Konzepte im Sinne der Digitalisierung sind.

Lesenswert: Ist der Bitcoin die einzig wahre Kryptowährung?

Kryptowährungen können das traditionelle System nur ergänzen

Um den technologischen Nutzer von Blockchain-Netzwerken zu verstehen, lohnt es sich zudem, mit  einigen Gerüchten aufzuräumen. Das Gros der Entwickler digitaler Systeme ist nicht angetreten, um anarchistische Ideen über Kryptowährungen in die Tat umzusetzen. Die Art und Weise, wie Staaten Bürgerinnen und Bürger vielerorts wirtschaftlich kontrolliert und die Bevölkerung bevormundet, ist aber sehr wohl ein Auslöser für die Entwicklung gewesen. Und ist es bis heute. Bestehende Finanzsysteme sind diesbezüglich vor allem an einem Punkt gescheitert. Statt den Wünschen und Interessenten der Mehrheit gerecht zu werden, dient „das System“ in weiten Teilen einer relativ kleinen Minderheit. Zudem bestimmt das klassische Bargeld noch immer weitgehend als Status quo und Mass aller Dinge.

Bargeld wird weiterhin eine wesentliche Rolle im Finanzsystem spielen

Dabei soll hier nicht der Eindruck vermittelt werden, das Bargeldsystem habe auf ganzer Linie ausgedient. Eher wird angesichts der erwähnten Inflation/Geldentwertung und des steigenden Reichtums einiger weniger (auch und gerade während der Pandemie) erkennbar, dass Bargeld neben Vorteilen – wie etwa der anonymen Verwendung bei Zahlungen im Alltag – von einigen Schwächen geprägt ist. Gleiches gilt trotz aller Bemühungen für den digitalen Einsatz von Fiatwährungen. Hier zeichnen sich Bitcoin und Co. in vielerlei Hinsicht durch positive Eigenschaften aus. Das Fehlen einer Gesetzgebung allein aus dem Blickwinkel staatlicher Kontrollinstanzen macht Kryptowährungen und die Blockchain zu einem adäquaten Instrument hin zu mehr Demokratie.

Regierungen versuchen verstärkt, Einfluss auf die Kryptowelt zu nehmen

Dass der Staat auf unterschiedliche Weise daran arbeitet, dass Gewinne aus Spekulationen mit Kryptowährungen sowie neu entstehenden Finanzprodukten wie CFDs, NFTs und anderen Varianten digitaler Wertpapiere steuerpflichtig sind und Steuern auch ordnungsgemäss abgeführt werden, spricht nicht gegen die besagte Philosophie der freien Wahl und Freiheiten von Kryptonutzern. Hier handelt es sich eher um die logische Konsequenz. Dass sich Regierungen mit der Frage der Besteuerung befassen, ist sogar ein Hinweis darauf, dass der Bitcoin und die inzwischen gefühlt endlose Auswahl an Kryptowährungen auch politisch als Bereich des sich verändernden Finanzmarktes ernst genommen werden.

Steigende Krypto-Akzeptanz setzt die Politik unter Druck

Was die politische Komponente angeht, stellt sich durch die sukzessive Akzeptanz digitaler Währungssysteme die Frage, ob und wie der Ausstieg aus bestehenden Systemen überhaupt gelingen kann. Die zunehmende Aktivität vieler Staaten zeigt: Das Staatssystem zu verlassen, ist kaum möglich. Der Bitcoin ist verglichen mit Fiatgeldern sozusagen staatenlos. Insofern erlaubt seine Verwendung Anwendern immerhin bedingt, sich von traditionellen Finanzsystemen zu verabschieden. Doch auch hier werden rechtliche Lücken zusehends geschlossen und Grauzonen durch Gesetzgeber geschlossen. Der Blick in die USA und die Schwierigkeiten bei der Zulassung von Bitcoin-Fonds und -Futures ist der beste Beweis, dass Kryptonetzwerke allmählich an juristische Grenzen stossen.

Lesenswert: Bitcoin verstehen: Mehr als digitales Geld

Politische Entscheider werden Geschicke des Kryptomarktes mitbestimmen

Ohne den Staat geht es nicht. Sperrig könnte formuliert werden: Ohne den Staat ist kein Staat zu machen. Spätestens, wenn Krypto-Systeme in den Alltag vordringen, mischt sich früher oder später die Politik ein. Der Begriff der Staatenlosigkeit verliert dadurch in Teilen seine Wirkkraft. Zwar gibt diese Einschätzung erst einmal nur die Meinung des Autors wieder. Die politischen Entwicklungen sprechen aber dafür, dass der Staat in Zukunft noch stärker Einfluss auf den Bitcoin und Kryptowährungen allgemein nehmen wird. Eine wesentliche Ausnahme sind in diesem Fall vollständige anonym arbeitende Digitalwährungen wie Privacy Coins. Sie bieten Behörden kaum Angriffsfläche. Kein Wunder also, dass solche Währungen vielen Staaten ein Dorn im Auge sind. Die Politik wähnt besonders in diesem Bereich eine Gefahr für die Souveränität des traditionellen Finanzsystems. Nichtsdestotrotz oder gerade wegen der Anonymität solcher Währungen wie etwa Monero stossen Coins der Sparte bei vielen Kryptofans auf Zuspruch.

Wie schnell passt sich das etablierte System dem Wandel an?

Schlussendlich zeigt sich vor dem Hintergrund der vorangegangenen Aspekte: Die Philosophie der freien Wahl ist ein komplexes Thema. Bezüglich des Bitcoins muss berücksichtigt werden, dass das System an den eigenen Ansprüchen – beispielsweise mit Blick auf anonyme Transaktionen und eine wirkliche Unabhängigkeit von seit langem bestehenden Finanzsystem – scheitert. Richtig ist: Der Ausschluss aus dem Bankensystem hin zum souveränen Kryptonetzwerk wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht im Kollektiv, also auf einen Schlag, gelingen. Naheliegender ist ein schrittweiser Umstieg. Einzelpersonen können ohne Frage durch den Umstieg auf den Bitcoin und die Blockchain einen Wandel einleiten. Die Möglichkeiten zur Einflussnahme des Staates und die Macht desselben lassen sich nicht in einem relativen kleinen Zeitfenster von etwas mehr als einem Jahrzehnt brechen. Der Staat selbst ist das grosse Problem. Je mehr Menschen das Kryptoversum als Alternative begreifen, desto eher wird die Politik weltweit auf die neuen Bedürfnisse reagieren müssen.

Der Bitcoin (und seine Mitbewerber) kann, muss aber nicht in jedem Fall der perfekte Weg sein, um den „grossen“ Umbruch auf Basis der Philosophie der freien Wahl zu erreichen. Vielen Menschen wird es nicht gelingen, das alte System hinter sich zu lassen. Je mehr Individuen sich für den Kryptobereich als Modell neben dem traditionellen Finanzsystem entscheiden, desto eher müssen sich die Verantwortlichen im alten System für Alternativen öffnen. Wie heisst es so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Verbunden: Bitcoin kaufen und Bitcoin handeln

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