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Lateinamerika und Bitcoin – Eine Liebesgeschichte?

von Matthias Nemack

Länder in Lateinamerika sind bei der Bitcoin-Adoption einen Schritt weiter. Ein vertiefter Blick auf die Entwicklungen.

Illustration von einem Dorf in Lateinamerika und Bitcoin-Logos

Weltweit warten Krypto-Nutzer seit Jahren auf klare Regeln zu Themen wie Regulierung oder Besteuerung. Dabei darf nicht vergessen werden: Es gibt nicht nur positive Erwartungen dazu, wie sich die Lage am Markt verändert, wenn Staaten für eine eindeutige Rechtslage sorgen. Denn es ist keineswegs so, dass nur erfreuliche Entwicklungen das Ergebnis staatlicher Regulierungen erwartet werden. Schliesslich sieht mancher Bitcoin-Besitzer oder Inhaber anderer digitaler Währungen den Segen der Systeme ausdrücklich darin, dass sich Länder rechtlich bisher bedeckt halten. In der vergangenen Woche meldete sich Argentiniens Präsident Alberto Fernandez mit einer aktuellen Einschätzung zum Bitcoin zu Wort. Die Meldungen sorgen abermals für Diskussionen. Ginge es nach echten „Hardlinern“, würde die Politik weiterhin auf Massnahmen verzichten und die Kryptowelt sich selbst überlassen. Schon länger gibt es vielerorts Bemühungen, klare Richtlinien für den Markt zu schaffen. Diese Aktivitäten fallen nicht immer so erfreulich aus, dass diese in der Community auf Zuspruch stossen. Umso erstaunlicher ist es, dass Lateinamerika (und nicht etwa China, die USA oder Europa) hier einen Schritt weiter in den Überlegungen und Taten ist. Die Gründe liegen auf der Hand.

China ist ein „gutes“ Negativ-Beispiel. Gerade Bitcoin-Miner kämpfen dort seit Jahren mit Restriktionen, die ihnen das Leben schwer machen. Die Äusserungen des argentinischen Präsidenten hingegen fallen anders aus, als die letzten Einschätzungen vieler Regierungen. Grund genug, in den nächsten Abschnitten neben den Einschätzungen des Präsidenten Argentiniens die Positionen einiger anderer Länder unter die Lupe zu nehmen.

Überraschendes Statement des Staatsoberhauptes zum BTC

Während China, etliche Staaten Europas sowie die USA noch immer vor allem die Risiken von Kryptowährungen sehen, hob Fernandez insbesondere die guten Eigenschaften des Bitcoins hervor. An erster Stelle steht dabei die Anwendung der nach Marktkapitalisierung wichtigen Digitalwährung als Instrument im Kampf gegen die seit Jahren hohe Inflationsrate im südamerikanischen Land. In einem Gespräch mit dem lokalen TV-Sender Filo News präsentierte sich der Präsident des wirtschaftlich angeschlagenen Landes offen für die Verwendung der führenden Kryptowährungen, um die ökonomischen Problem in den Griff zu bekommen. Die Inflationssorgen sind schon lange vorhanden; die Interventionen der Regierung erweisen sich nach wie vor als weitgehend unwirksam. Der Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel? Fernandez hält diese Option für durchaus denkbar und einen möglichen Ansatz. Bei Teilen der Bevölkerung dürfte der Präsident damit wohl sprichwörtlich offene Türen einrennen.

Wie in verschiedenen anderen Staaten mit enormen Inflationsraten – wie etwa der Türkei – erfreut sich der Bitcoin und der Kryptosektor insgesamt grosser Beliebtheit, um beispielsweise grenzübergreifend günstig Geld zu versenden oder empfangen.

Präsident von Argentinien offen für den Bitcoin als Zahlungsmittel

Alberto Fernandez, Präsident von Argentinien, ist offen für die Einführung von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel zur Bekämpfung der Inflation. Der Schritt hin zu dieser potenziellen Anerkennung ist wie gesagt nicht nur für den Bitcoin ein Signal, das weltweit Spuren hinterlassen könnte. Für Argentiniens belastete Ökonomie jedenfalls könnte die Krypto-Leitwährung nach Auffassung des Präsidenten ein Lösungsansatz sein. Grund für die Stellungnahme von Fernandez war die im Gespräch gestellte Frage, inwieweit sich der Landesvater die BTC-Einführung nach dem Vorbild des mittelamerikanischen Staates El Salvador vorstellen könne. Dort ist man diesbezüglich nämlich schon einen Schritt weiter. Zwar liess sich Argentiniens Präsident nicht pauschal zu einer Pro-Bitcoin-Antwort hinreissen. Ein Nein sei aber nicht begründbar, so die Reaktion. El Salvador übrigens leidet wie Argentinien unter einer extrem hohen Inflationsrate – im Falle Argentiniens wurde diese im Rahmen einer Trading Economics-Analyse zuletzt mit fast 52 Prozent angegeben.

Noch fehlt die klare Linie bei der BTC-Einordung

Der argentinische Kryptoboom erklärt sich unter anderem durch sehr massive Devisenkontrollen. Sie haben schrittweise einen stetig wachsenden Schwarzmarkt für digitale Währungen entstehen lassen. Was das Land braucht, ist ein verlässlicher und wertstabiler Währungsspeicher. Genau diese Anforderung könnte Präsident Fernandez zufolge der Bitcoin sein. Der Politiker berief sich in dieser Einschätzung auf die Inflationssicherheit des Bitcoins. Fernandez sieht selbst aber Anlass für weltweite Diskussionen über den Nutzen der Kryptowährung und äusserte sich bewusst zurückhaltend. Weniger positiv gab sich kürzlich Miguel Pesce, seines Zeichens Präsident der argentinischen Zentralbank. Pesce sieht im BTC kein Modell, das nicht auf konstante Profitabilität hoffen liesse.

Digitale Währungen sichern Zugang zu neuen Finanzsystemen

Vor diesem unklaren Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die Lage in Südamerika im Allgemeinen. Viele Staaten der Region stehen wirtschaftlich durch hohe Arbeitslosenzahlen und Inflationsraten unter Druck. Die Corona-Pandemie hat diese problematische Lage seit Anfang 2020 nochmals verstärkt. Viele Nutzer vor Ort verstehen Kryptowährungen deshalb inzwischen als echte Alternativen zu ihren Landeswährungen. Anwender profitieren dabei aber nicht allein von der Wertstabilität. Zugleich erhalten viele Kryptonutzer durch die digitalen Finanzinstrumente überhaupt erst Zugang zu Bankdienstleistungen. Gerade Menschen ohne eigenes Konto und mit wenig Geld erkennen die Anwendungsmöglichkeiten. Kryptowährungen wie der Bitcoin, gerade aber auch Altcoins wie der Litecoin werden beliebter. Denn sie erlauben schnelle, günstige und zugleich sichere Transaktionen innerhalb der Länder und über Grenzen hinaus.

Hier zeigt sich im Übrigen eine deutliche Parallele zu vielen afrikanischen Ländern – auch dort verfügen viele Menschen zwar nicht über Bankkonten, aber über ein mobiles Endgerät. Ein idealer Nährboden für einen Anstieg der Nutzerzahlen im Kryptosektor.

Länder Lateinamerikas mit enormem Kryptowachstum

Aktuelle Statistiken weisen Lateinamerika inzwischen weltweit als die Region aus, in der es pro Kopf die höchste Konzentration an Kryptonutzern gibt. Staaten wie Kolumbien, Chile oder eben Argentinien gehören längst zur Speerspitze der Länder mit der grössten Anzahl Kryptoanwender. In der sogenannten „Dritten Welt“ hat das Aufkommen zahlreicher Plattformen und Unternehmen, die auf digitale Währungen und die Technologie der Blockchain setzen, schrittweise das traditionelle System der Finanzwelt beeinflusst und zu teils massiven Veränderungen geführt. Positiv bedeutet dieser Trend: Das Finanzsystem bietet zunehmend mehr Chancengleichheit. Es wird somit demokratischer, Finanzdienstleistungen werden preiswerter. Und die Auswirkungen sind auch im internationalen Kontext erkennbar. Weltbank-Daten zeigten vor kurzem, dass es im Bereich der Überweisungen nach Lateinamerika ein Anstieg von 6,5 Prozent gibt.

Kryptowährungen eignen sich für im Ausland lebende Menschen und die sogenannten „Wanderarbeiter“ aus der Region, um günstig Geld in die Heimat zu senden. Unternehmen wie Skrill (die derzeitige Nr. 1 unter allen Zahlungsdiensten in Südamerika) hat nicht ohne Grund vor einiger Zeit auch Kryptodienste gestartet.

El Salvador will weltweite Führungsrolle übernehmen

El Salvadors Ankündigung, BTC als gesetzliches/staatliches Zahlungsmittel akzeptieren zu wollen, könnte viele Nachahmer in der direkten Nachbarschaft Lateinamerikas finden. Zudem schafft die Akzeptanz von oberster Stelle im Land selbst wichtiges Vertrauen aufseiten derer, die zwar Interesse an digitalen Währungen haben, wegen fehlender Bewertungen aus der Politik auf einen Einstieg verzichtet haben. Die Unterstützung des Bitcoin-Netzwerks und damit der Technologien der Branche insgesamt, könnte weite Kreise ziehen und viele neue Unternehmen entstehen lassen. Dies wiederum würde für mehr Wettbewerb sorgen, der seinerseits für Nutzer positive Folgen haben würde. Südamerika als neue „Kryptomacht“? Angesichts der Entwicklungen in der Region scheint dies immer wahrscheinlicher. Abgesehen von den Zahlungsmöglichkeiten könnten viele arbeitslose oder einkommensschwache Nutzer zudem auf passive Weise – etwa durch Staking oder Krypto-Lending – ein Einkommen erwirtschaften.

Lesenswert: Der Vorort-Bericht aus El Salvador, ob und wie Bitcoin in der Gesellschaft bereits angekommen ist

Bitcoin-Akzeptanz in Lateinamerika – zwei Seiten einer Medaille

Für Nutzer in spe überwiegen freilich die positiven Entwicklungen im Rahmen einer zu erwartenden grösseren Kryptoakzeptanz. El Salvador wird bei Verabschiedung des von Präsident Nayib Bukele vorgelegten Gesetzesentwurfs durch den Kongress zum ersten Land, das den Bitcoin offiziell zulässt. Diesen Titel kann dem kleinen Land dann niemand nehmen. Zudem könnte ein wichtiger neuer Arbeitsmarkt vor Ort entstehen. Für klassische Banken sind solche Überlegungen zunächst sicher eher negativ. Sie sehen sich einer starken Konkurrenz aus dem Kryptosektor gegenüber und gezwungen, sich mit den innovativen Technologien zu befassen. Trotz einiger Vorstösse in der Bankenwelt (wie etwa dem eigenen Stablecoin JPM Coin der US-Bank JP Morgan)  herrscht bei der grossen Mehrheit der Banken Zurückhaltung vor. Länder wie China oder Russland setzen eher auf die Entwicklung eigener Kryptowährungen und hält den Bitcoin und Co. seit Jahren für eine Gefahr für Fiatwährungen und traditionellen Bankensysteme.

Staatliche Zulassung als Gefahr für die Krypto-Unabhängigkeit?

Ungeachtet der Vorteile kommender staatlicher Akzeptanz für den Bitcoin und später wohl weitere digitale Coins und Token dürfen zwei Risiken nicht vergessen werden. Auf der einen Seite würden steigende Nutzerzahlen mit hoher Wahrscheinlichkeit sukzessiv für einen Anstieg der Kryptokurse führen, was den Erwerb für Menschen mit geringem Einkommen später wieder erschweren würde. Auf der anderen Seite sähen sich andere Staaten zum Handeln gezwungen. Hier drohen strikte Regulierungen, schlimmstenfalls sogar endgültige Verbote. Zugleich laufen digitale Währungssysteme durch staatliche Akzeptanz Gefahr, eine nicht nur für Kryptofans der ersten Stunde wichtige Eigenschaft nach und nach zu verlieren: die Dezentralität. Denn es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Regierungen den Bitcoin und Altcoins ohne jede Einflussnahme als Zahlungsmittel zulassen werden. Bis Kryptowährungen rund um den Globus als gleichwertiges Modell neben Fiatwährungen anerkannt werden, werden laut vielen Experten aber letzten Endes noch etliche Jahre vergehen.

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