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Was Bitcoin und Blockchain mit kulturellen Wandel zu tun haben

von Matthias Nemack

Bitcoin und Blockchain stehen nicht nur für Kurse und Spekulationen. Dabei ist dies der logische nächste Schritt bei der digitalen Revolution.

Was Bitcoin und Blockchain mit kulturellen Wandel zu tun haben

Das rasante Wachstum im Bereich der digitalen Währungen führt aus naheliegenden Gründen nicht allein dafür, dass sich Philosophen auf den Plan gerufen fühlen und die Entwicklung der Sparte seit der Einführung des Bitcoins unter entsprechenden Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Der kulturelle Aspekt rund um Kryptowährungen verdient eine eingehende Analyse. Ein beliebter und von vielen Experten vertretener Standpunkt: Die Blockchain ist der logische nächste Schritt auf dem Weg zur digitalen Revolution. Doch wie immer gibt es nicht allein positive Einschätzungen, wenn es um neue Technologien geht. Der Begriff der Autonomie hat in Bewertungen vieler Experten einen hohen Stellenwert. Die Grundnahme aufseiten der Krypto-Befürworter: Es war höchste Zeit für die Schaffung neuer Infrastrukturen, die eine Verlagerung der „Macht“ der bestehenden Finanz- und Währungssysteme weg von Banken und Politik hin zu Nutzern ermöglichen.

Kryptokultur gewinnt an Bedeutung und überschreitet Grenzen

Aber ist dies zum jetzigen Zeitpunkt der Krypto-Evolution bereits der Fall? Und haben der Bitcoin und Altcoins tatsächlich einen kulturellen Wandel ausgelöst – und wenn ja, in welcher Form und welchem Ausmass? Die Antworten auf diese Fragen fallen teils recht unterschiedlich aus. Für überzeugte Kryptofans der ersten Stunde war die Entstehung der Blockchain die langersehnte technologische Wende, um Schwächen und Nachteile bestehender Systeme zu beheben. Bis zum aktuellen Zeitpunkt – Anfang der 2020er Jahre – hat sich tatsächlich viel getan. Von der grossen Revolution, die ausserhalb der Kryptoblase hohe Wellen schlägt, kann indes nur bedingt die Rede sein. Allerdings gibt es durchaus einige Finanzinstitute und Banken, die faktisch Zeit und Geld in eigene Entwicklungen investieren. Dass Länder wie China oder Unternehmen wie der US-Bankenriese JP Morgan eigene Digitalwährungen (im Falle Chinas als Digitaler Yuan der Zentralbank, während JP Morgan einen eigenen Stablecoin entwickelte) einführen (wollen), hat vor  allem Grund: die Angst vor möglichen Folgen des Kryptobooms.

Regierungen weltweit sehen Kryptowährungen als Inflationsrisiko und Gefahr vor Fiatgeld. Ob diese Sorgen berechtigt sind oder nicht, soll hier nicht weiter thematisiert werden.

Traditionelle Wirtschaft erkennt die Zeichen

Wenn auch auf Basis von Bedenken, ziehen digitale Währungen und die Blockchain also immerhin indirekt auch im traditionellen Bankenuniversum einen allmählichen kulturellen Wandel nach sich. Nach nunmehr weit über einem Jahrzehnt seit dem Start der ersten digitalen Währung ist die Realisierung der einstigen Utopie auf der anderen Seite in einigen Bereichen umgesetzt oder auf einem guten Weg. Das beste Beispiel ist die Kunstwelt rund um den Globus. Hier halten seit einiger Zeit non-fungible Token (NFTs) Einzug. Musiker, Fotografen und andere Künstler entdecken NFTs als fälschungssicheres Medium für sich. Fans und Sammler können inzwischen (visuelle wie akustische) Kunstwerke erwerben, die als Schöpfung angesagter Künstler längst teils zu astronomischen Preisen gehandelt werden.

In der Folge erweitern zusehends bekannte Auktionsplattformen den wachsenden Nischenmarkt mit digitaler Kunst. Der Vorteil für Künstler besteht unter anderem darin, dass sie direkt Umsätze generieren können.

Blockchain als Schnittstelle zwischen Tradition und Innovation

Ähnlich wie die Aufnahme digitaler Vermögenswerte in Handelsplattformen von Banken und Brokern eröffnen auch Auktionen dem Markt schrittweise neue Türen. So werden Anleger und Investoren auf den Sektor aufmerksam, die oft schon seit Jahren unzufrieden mit hohen Gebühren und Kosten für Investments über traditionelle Bankensysteme sind. Ganz zu schweigen von dem enormen Einfluss digitaler Währungen in Regionen ohne flächendeckende Infrastrukturen für alltägliche Bankgeschäfte. Gerade in Ländern Afrikas haben viele Menschen bis heute keinen Zugang zu Banksystemen. Kryptowährungen und die Blockchain sind dank schneller Ausführungen und geringer Kosten die ideale Lösung. Banken geraten durch das Interesse in Zugzwang, viele Unternehmen der Branche bringen eigene Konzepte an den Start oder investieren in Kryptoprojekte. Die über Jahre entstandene Kryptokultur aber macht es der Bankenwelt wegen der vorherrschenden Skepsis dem Status quo gegenüber nicht leicht, Einfluss zu nehmen.

Zwei Kritikpunkte hinsichtlich der Krypto-Kultur sind auf der anderen Seite sorgen für einen gewissen faden Beigeschmack rund um den eindrucksvollen Wachstumskurs der Blockchain. Zum einen ist hier das Dilemma bezüglich der Nachhaltigkeit zu nennen. Digitale Infrastrukturen zeichnen sich bisher durch einen hohen Energieverbrauch aus. Die junge Generation, die den Kryptosektor in massgeblicher Weise beeinflusst, legt Wert auf umweltbewusste Technologien und Anlageprodukte. Die gute Nachricht: Durch die Umstellung auf energieeffizientere Konsensmechanismen arbeiten Entwickler an der Senkung der Umweltbelastungen.

Kryptoentwicklungen lassen neue Kulturmärkte entstehen

Wohl kaum ein anderes Phänomen wird in der Netzkultur so stark diskutiert wie die Blockchain. Doch nur wenige verstehen wirklich, wie die Technologie funktioniert. Geldgeschäfte werden in Form sogenannter Kryptowährungen womöglich ohne Banken durchführbar sein. Für die Kulturszene bedeutet das: Künstlerinnen und Künstler könnten direkt entlohnt werden. Die Blockchain stärkt die Autonomie ihrer Nutzer, hat aber auch Schattenseiten: Die dahintersteckende Ideologie weist gefährliche Denkmuster auf. Und der Betrieb der digitalen Infrastruktur belastet die Umwelt. Auf ein anderes Problem vieler Krypto-Plattformen weisen Experten wie der Kulturwissenschaftler Michael Seemann hin. Seemann beschäftigt sich seit langem mit grossen „Playern“ der digitalen Welt – beispielsweise mit dem Social-Media-Riesen Facebook, der selbst an einer eigenen Kryptowährung arbeitet. Der Forscher sieht bei Digitalunternehmen wie auch Kryptos und der Blockchain durchaus Parallelen zu traditionellen Märkten und sogar zu Staaten.

Zwar rühmen sich viele System-Entwickler mit der unabhängigen Kultur der Branche. Entgegen den Versprechungen vieler Krypto-Netzwerke aber liegt die Kontrolle häufig eben nicht bei der Community. Stattdessen bestimmen oft genug Grossinvestoren – auch als Kryptowale – in weiten Teilen über die Geschicke der Systeme. Zugegeben: Es gibt auch andere Kryptosysteme, bei denen Nutzer gemeinsam über ein Mitspracherecht mitentscheiden, wie sich der kulturelle Wandel vollzieht und welche Entwicklungen gewünscht sind. Ganz ohne die Souveränität bestimmter Gruppen funktionieren viele Netzwerke unterm Strich nicht.

Das Ende alter Systeme durch Dezentralisierung und Transparenz?

Was die Dezentralisierung betrifft, äusserte sich nicht nur der Kulturwissenschaftler Seemann skeptisch, inwieweit dies auf lange Sicht für die Kultur von Währungen überhaupt erstrebenswert ist. Wie der Wissenschaftler Seemann sind viele Beobachter weltweit zurückhaltend, ob Kryptowährungen als digitale Protokollplattformen mit einer gleichmässigen Machtverteilung auf viele einzelne Teilnehmer ein guter kultureller Wandel sein können – also als genaues Gegenteil zu traditionellen Währungen, bei denen die Kontrolle und Gestaltungshoheit allein bei Zentralbanken liegen. In genau diesen klassischen Währungssystemen können Kontrollen Datenmissbrauch, Geldwäsche und Finanzierungen des internationalen Terrors durch Interventionen unterbunden werden. Bei Protokoll-basierten Digitalwährungen stellt die Frage nach dem richtigen Umgang mit solchen Risiken nach wie vor ein Problem dar.

Jedoch:

Genau dieses Aushebeln einer zentralen Kontrollinstanz bestimmt den kulturellen „Geist“ von Kryptowährungen ungeachtet der fraglos bestehenden Risiken. Andererseits erreichen dezentrale Netzwerke durch die Beteiligung vieler Einzelner an der Abwicklung von Transaktionen einen Grad der Transparenz, den Bankensystemen für Nutzer nicht bieten können.

Kryptonetzwerke durch grosse Marktteilnehmer beeinflussbar

Ein beliebtes Beispiel dafür, dass Blockchains am Ende oft nicht so dezentral wie behauptet sind, ist die sogenannte 51-Prozent-Attacke. Kritiker führend diese gerne an, wenn sie demonstrieren möchten, dass die unumstössliche Dezentralität in vielen Netzwerken eher Wunschdenken als Fakt ist. System-Nutzer, die für mehr als die Hälfte der Netzwerkrechenleistung verantwortlich zeichnen,  können das Netzwerk als Ganzes manipulieren. Beim Bitcoin etwa (und nicht nur dort) liegt die Macht beim Mining mittlerweile in den Händen grosser Mining-Farmen aus Fernost. Wirkliche Dezentralität und 100-prozentige Sicherheit sehen anders aus. Zudem verweisen Kritiker bezüglich der revolutionären Kryptokultur auf den Einfluss der Kryptobörsen hin. Sie streben sukzessive eine Zentralisierung an, was im offensichtlichen Gegensatz zum ursprünglichen Ansatz digitaler Währungssysteme und Blockchains steht.

Und es sind nicht nur die führenden Handelsplätze, die ihren Einfluss immer stärker ausspielen. Persönlichkeiten wie Tesla-Gründer Elon Musk zeigten in der nahen Vergangenheit wiederholt, wie beeinflussbar der Markt ist. Musk sorgte mit Nachrichten über die Plattform Twitter unter anderem beim Bitcoin gleich mehrfach für massive Kursbewegungen.

Kein System ist unfehlbar – die Blockchain aber eröffnet neue Möglichkeiten

Trotz der verschiedenen zutreffenden Hinweise auf Probleme und Schwachstellen der Kryptokultur, wird eines aber immer wieder deutlich. Der Bedarf aufseiten der Menschen ist vorhanden. Die Zahl derer, die mit traditionellen Systemen unzufrieden sind, steigt konstant. Die allgemeine Netzkultur setzt sich damit konsequent durch. Daran ändern auch Einschätzungen, die in der Blockchain aufgrund der aufwendigen Validierungsprozesse nichts anderes als eine vergleichsweise langsame Datenbank sehen. Freilich braucht es im Zusammenhang mit der Kryptokultur ebenfalls Lösungen zur Kontrolle, um die Fehleranfälligkeit und das Missbrauchsrisiko zu begrenzen. Viele Befürworter begegnen der Kritik am vermeintlich geringen Nutzen zurecht, indem sie darauf hinweisen, dass die Blockchain-Technologie die Digitalisierung vieler Dinge überhaupt erst möglich gemacht habe. Die Corona-Pandemie zum Beispiel hat bewiesen, wie anfällig globale Lieferketten waren.

Die Blockchain bietet hier Lösungsansätze, die zukünftige Schwierigkeiten vermeiden könnte. Dass Anhänger des alten Währungssystems die Etablierung des Bitcoins und digitaler Währungen für gescheitert erklären, hat einen guten Grund. Wer sprichwörtlich die eigenen Felle davonschwimmen sieht, ruft seit jeher am lautesten nach dem Staat.

Chancen der Blockchain in der Zeit nach der Pandemie

Objektiv betrachtet, stehen wir dieser Tage erst in einer frühen Phase der Krypto-Evolution und am Anfang dessen, was mit Fug und Recht als kultureller Wandel der Finanzwelt bezeichnet werden kann. Der beste Beweis ist das zunehmende Interesse von Unternehmen an der IOTA-Technologie und Smart-Contract-Funktionen, die gerade durch das Ethereum-System verstärkt eine Rolle in der öffentlichen Berichterstattung spielen. Fragt man Experten, wie die Blockchain-Kultur in ein oder zwei Jahrzehnten aussehen wird, malen viele Experten eine rosige Zukunft. Mehr Rechte zur Wahrung der eigenen Privatsphäre und eine deutliche Veränderung vieler Bereiche vom Strommarkt über den Kreditsektor bis hin zu einer noch stärkeren Entwicklung digitaler Kunst über NTFs sind nur einige der wichtigsten Aspekte des Wandels. Quo vadis, Blockchain? Noch ist unklar, wo die Kryptowelt in einigen Jahren stehen wird. Sicher aber ist, dass die Möglichkeiten zur Anwendung schier unbegrenzt sind.

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