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Kryptowährungen – Chance oder Risiko für die weltweiten Finanzsysteme?

von Matthias Nemack

Mit fortschreitenden Adoption von Kryptowährungen kommt auch das "bestehende" Finanzsystem immer weniger um Bitcoin und Co. herum...

Eine offene Strasse als Symbol für Kryptowährungen

Wenn die Pandemie uns eines gelehrt hat, dann ist dies vermutlich, dass die Weltwirtschaft keineswegs sicher vor Einbrüchen ist. Corona hat in vielen Bereichen enorme Herausforderungen und Probleme der etablierten Geldwirtschaft offenbart. Dass die Blockchain und der Einsatz digitaler Währungen in vielerlei Hinsicht Möglichkeiten und Chancen bieten können, nehmen viele Befürworter des traditionellen Systems indes trotzdem nur bedingt wahr. Dabei gab es in den vergangenen Jahren schon etliche Beispiele, wie die Kryptowelt – beispielsweise beim Generieren von Spenden oder der Gestaltung globaler Lieferketten – in der heutigen Zeit neue Wege aufzeigen kann. Dass Kryptowährungen von immer mehr Anlegern, aber auch Unternehmen als wirtschaftliche und technologische Innovation verstanden werden, zeigt sich gerade an einer Tatsache.

Die wichtigen Basics im Überblick:

  • viele Staaten & Notenbanken sehen Kryptowährungen als Gefahr an
  • Kryptos in Ländern mit Wirtschaftskrisen & schlechten Finanzsystemen besonders beliebt
  • USA streben unter der neuen Administration weiter eine Krypto-Regulierung an
  • Gefahr für Krypto-skeptische Länder, den Trend zu „verschlafen“
  • Kryptowährungen kommen immer schneller im Mainstream an

Kryptomarkt erlebt nach wie vor einen grossen Boom

Noch vor gut sieben Jahren gab es am Kryptomarkt lediglich knapp zwei Dutzend Coins und Token. Inzwischen existieren mehr als 3.000 unterschiedliche Digitalwährungen. Auch wenn einige Angebote mit der Zeit gescheitert sind, bestätigt die enorme Vielfalt eines. Kryptowährungen sind kein reiner Trend, der bald wieder verschwinden wird. Im Gegenteil. Die Branche wächst stetig. Und dies liegt auch daran, dass immer mehr Wirtschaftszweige und Unternehmen erkennen, welche Chancen die Systeme zu bieten haben. Das Image eines Instruments für Schwarzmarkt-Akteure und Kriminelle insgesamt haftet dem Bitcoin und insbesondere den sogenannten Privacy Coins wie Monero aber dennoch an. Und das nicht vollkommen grundlos.

Denn es ist durchaus richtig, dass die Alternativen zum Fiatgeld auch im Zusammenhang mit Straftaten zum Einsatz kommen. So sind Kryptowährungen bestens geeignet, um Erträge zu verbuchen, die für Finanzbehörden nicht nachvollziehbar sind. Dies aber ist nur eine Seite der Medaille.

Staaten wie China arbeiten mittlerweile an eigenen Digitalwährungen

Kritische Stimmen fürchten, dass digitale Währungen das weltweite Währungs- und Finanzsystem zum Einsturz bringen werden. Gerade in der US-Politik gibt es viele Skeptiker. Währenddessen arbeiten China und verschiedene andere Länder inzwischen an eigenen digitalen Währungen – sogenannten CBDCs. Vertreter der Kryptobranche hoffen darauf, dass diese Bemühungen zum Umdenken führen, damit Kryptowährungen endlich den Weg in den Mainstream schaffen.

Neue US-Regierung: Beschreitet Sie endlich einen Ergebnis-offenen Weg?

Was die USA angeht: Die Berufung des früheren Vorsitzenden der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) Gary Gensler in das Übergangsteam des kommenden US-Präsidenten Joe Biden schürt die Hoffnung, dass sich auch die Vereinigten Staaten zunehmend dem Kryptomarkt öffnen. Gensler gilt als eher Krypto-freundlich und erkennt die Chancen der neuen Systeme. Er sieht die positiven Aspekte der digitalen Währungen, der Blockchain und anderer Technologien im Kontext der Kryptowährungen.

Unternehmen könnten USA wegen Regulierungssorgen verlassen

Trotzdem sind die USA nicht weltweit führend, sieht man grossen Firmen wie etwa Coinbase ab, die im Land zu Hause sind. Wie problematisch die Lage für US-Krypto-Dienste ist, verdeutlicht gerade das Beispiel der Börse Coinbase. Dort wird schon länger über eine Standort-Verlagerung nach Asien wegen der schwierigen regulatorischen Situation in den USA nachgedacht. Doch mit allzu schnellen Änderungen der US-amerikanischen Finanzpolitik ist eher nicht zu rechnen. Viele Vertreter des traditionellen Systems fürchten, dass die Krypto-Revolution nichts weniger als die Abschaffung bewährter Standards im Schilde führt. Gemeint ist etwa das Geldsystem mit Münzen und Scheinen.

Einer der Gegner digitaler Währungen:

der Ökonom Prof. Joseph Stiglitz. Der Nobelpreisträger warnt insbesondere vor fehlender Transparenz bei digitalen Zahlungssystemen. Sie mache Kryptowährungen zu einem Risiko für die Stabilität des Finanzsystems, die erst durch Jahrzehnte mühsamer Arbeit erreicht worden sei.

Viele Firmen der Kryptowelt rufen selbst nach klaren Regeln

Befürworter der Kryptokonzepte zeigen sich von derlei Aussagen oft eher belustigt. Für sie sind solche mahnenden Wort eher die Angst jener, die gegen Innovation sind und alles beim Alten belassen wollen. Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Dr. Jens Weidmann, äusserte sich zuletzt wie Stiglitz und warnte vor dem Entstehen eines Bereichs, der keiner Aufsicht unterstehe. Anbieter der Kryptobranche müssten sich ebenso an geltende Vorschriften halten und klar gegen Geldwäsche oder die Terrorismusfinanzierung Stellung beziehen. Vergessen wird in solch kritischen Bewertungen gerne, dass es gerade in der Welt der Kryptowährungen viele Vertreter wie etwa das Management im Hause Coinbase gibt, die selbst entsprechende Regulierungsstandards und Regeln fordern, um die notwendige unternehmerische Sicherheit zu erhalten. Denn diese ist unabdingbar, um mit Ländern mitzuhalten, die bereits deutlich weiter als die USA und die meisten Staaten Europas sind.

Nicht nur China lotet Chancen der Blockchain und des Digital-Yuan aus

In Teilen liegen die Versäumnisse in den USA und Europa wohl auch darin begründet, dass Kryptowährungen hier bisher noch nicht allzu gebräuchlich sind. Laut Statista Global Consumer Survey nutzen in Deutschland beispielsweise nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung bis dato digitale Währungen. Für die Vereinigten Staaten beziffern die aktuellsten Erhebungen die Zahl der Nutzer auf sieben Prozent. Allein an der geringen Nutzerzahl kann die fehlende Akzeptanz nicht liegen. Denn auch in China nutzen angeblich nur acht Prozent Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. „Angeblich“ deshalb, weil im Umfragen keineswegs jeder Teilnehmer korrekt antwortet. Auch, wenn Kryptos in der Volksrepublik ebenfalls eher eine Nebenrolle spielen. Der Staat aber befasst sich engagiert mit dem Markt, entwickelt eine eigene Digitalwährung – den Digital-Yuan – und investiert Milliardensummen in eigene Blockchain-Projekte.

Facebooks Krypto-Pläne lösten weltweite Diskussionen aus

Ein wesentlicher Grund, weshalb viele Politiker weltweit Sturm auf die vermeintliche Gefahr durch digitalen Währungen für das Geld der Notenbanken, waren Facebook Pläne für einen eigenen Stablecoin. Dieser sollte lange auf den Namen Libra hören (neu soll er Diem heissen). Der Social-Media-Gigant wollte damit nicht zuletzt Menschen in Ländern Transaktionen über Ländergrenzen hinaus ermöglichen, die über kein oder ein nur schlechtes Bankensystem verfügen. Notenbanken und Politik sahen in diesem Vorstoss von Anfang ein Problem für die „Werthaltigkeit“ des von Staaten bzw. Notenbanken ausgegebenen Geldes. Die von Facebook ins Leben gerufene Libra Association gewann mit der Zeit einige namhafte Mitglieder wie die Kreditkartengesellschaft Visa. Auch PayPal zeigte lange Interesse, entschied sich inzwischen aber für einen eigenen Ansatz zum Einstieg in den Wachstumsmarkt der Kryptowährungen.

Die Libra-Partner sollten teils bis zu zehn Milliarden US-Dollar in das Projekt investieren. Insbesondere die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Thema Regulierung sorgten bei Libra wiederholt für Komplikationen und Verzögerungen.

Bitcoin bleibt mit weitem Abstand die wichtigste Kryptowährung

Trotz aller übrigen Aktivitäten vieler Unternehmen auf privatwirtschaftlicher Basis ist und bleibt es aber der Bitcoin, der weiterhin als Branchenpionier für institutionelle Investoren und private Anleger anzieht. Inzwischen bringt es das System Bitcoin auf eine Marktkapitalisierung in Höhe von mehr als 350 Milliarden US-Dollar. Damit bringt es die erste Blockchain auf einen vielfachen Wert grosser führender Bankhäuser wie etwa der Deutschen Bank. Zum Vergleich: Der von vielen als DarkNet-Währung titulierte Privacy Coin Monero (wir erwähnten ihn weiter oben bereits) bringt es derzeit (Stand: 04.12.2020) auf eine Marktkapitalisierung von nur etwa 2,3 Milliarden USD. Die angeblich grosse Gefahr dieser Währung, die Gegner digitaler Währungen gerne im Zusammenhang mit der Anonymität des Systems ins Feld führen, relativiert sich angesichts der aktuellen Daten.

Kommt die erhoffte Kryptowende durch den neuen US-Präsidenten

Was für den einen ein offensichtlicher Vorteil ist, bewerten andere als Nachteil – die dezentrale Funktion der digitalen Währungssysteme. Staaten fürchten einen Kontrollverlust, weil Sie die Systeme eben nicht steuern können. Dass eine Privatisierung der globalen Geld- und Finanzwirtschaft nicht ohne Risiken ist, liegt auf der Hand. Die USA bzw. die neue Regierung Biden äussert dieser Tage Überlegungen, die nahelegen, dass es während der Amtszeit des neuen Präsidenten schnell eine weitreichende Kryptoregulierung geben könnten. Immerhin: Bidens Team gehören neben dem genannten früheren CFTC-Chef Gensler auch Finanzexperten wie die frühere FED-Vorsitzende Janet Yellen an. Es zeichnet sich trotzdem eine Art Konflikt ab. Die US-Politik sieht im Bitcoin und anderen Kryptowährungen weiterhin einen Bereich, der der Dominanz des US-Dollars als weltweite Leitwährung schaden könnte.

Menschen in wirtschaftlich belasteten Länder sind besonders offen

Um Facebooks Ansatz zum Schluss nochmals aufzugreifen: Die oben genannte Statistik zeigt, dass das Unternehmen bei aller berechtigter Kritik eines verstanden hat. Der Bedarf an Alternativ-Systemen ist gegeben. In Ländern mit schwachen Bankensystemen und infrastrukturellen Problemen schon heute überdurchschnittlich viele Menschen Kryptowährungen zu schätzen wissen. Platz eins belegte mit weitem Abstand das afrikanische Land Nigeria. Dort gaben 32 Prozent der befragten Staatsbürgerinnen und -bürger an, dass sie digitale Währungen besitzen und/oder nutzen. Vietnam belegte mit 21 Prozent Rang zwei, Südafrika bringt es in der Top 3 noch auf einen Anteil von 17 Prozent.

In der Türkei belief sich der Wert auf 16 Prozent. Dies zeigt ebenfalls, dass Menschen in Ländern mit wirtschaftlichen Sorgen nach Alternativen suchen und diese auch nutzen. Die Türkei leidet seit Jahren und einer zunehmenden Geldentwertung. Ähnlich sieht die Situation im südamerikanischen Peru aus.

Wie weit könnten Länder überhaupt noch Einfluss nehmen?

Wenn es um die Frage nach staatlicher Regulierung und Verboten geht, muss es immer um die Überlegung gehen, wie weit die Politik überhaupt intervenieren kann. Denn die viel kritisierte Dezentralität sorgt dafür, dass Staaten Unternehmen zwar mit juristischen Schritten drohen können. Dass die Systeme selbst bedroht sind, ist aber eben kaum möglich. Denn hier dominiert die Community der Nutzer, die über Blockchain und digitale Geldbörsen interagieren. Am Ende stellt sich zudem die Frage, ob sich Länder wie die USA nicht selbst schaden, wenn sich den neuen Technologien gegenüber sperren. Denn mit der Schweiz (Stichwort „Crypto Valley“) und etlichen Ländern Asiens gibt es zunehmend Regionen, die die Kryptowelt mit offenen Armen empfangen.

Einstieg in Kryptowährungen geplant? Unser Guide erklärt es.

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